4. Das Charisma, die zweite Gabenliste (1. Kor. 12:4-11)

In meiner letzten Predigt haben wir mit dem Gedanken abgeschlossen, dass uns der Geist Gottes in sein Bild umgestalten möchte. Das geht aus dem Bibelvers in 2. Kor 3:18 hervor »Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Geist des Herrn.« Wollen wir auch mit diesem schönen Gedanken fortsetzen. Wir haben auch versucht, einen Einblick in die Wirkungsweise des Heiligen Geistes zu bekommen, gemäß dem Auftrag, den er auf dieser Erde hat.

 

Wir wissen ja, Jesus hatte den Auftrag, als Sühneopfer für unsere Sünden am Kreuz zu sterben. Danach ist er auferstanden, in den Himmel aufgefahren und sitzt nun zur Rechten des Vaters um den Tag des Gerichtes abzuwarten. Währenddessen wurde zu Pfingsten der Heilige Geist über die Schar der gläubigen Jünger ausgegossen und er begann sein großes Werk der Verherrlichung des Sohnes Jesus Christus. Das Ziel seines Werkes ist es, überall auf der Welt genau das zu tun, nämlich Menschen in das Bild Christi umzugestalten. Es gibt keinen anderen Grund, warum der Geist Gottes in dieser Zeit auf der Erde ist.
Manche meinen, der Geist Gottes wäre hier auf Erden um das Reich Gottes aufzurichten, in dem Sinne, dass die ganze Welt eines Tages christlich sein werde. Im Mittelalter wurden genau aus diesem Grunde die Kreuzzüge unternommen weil man meinte, der Heilige Geist hätte das Ziel, den Einflussbereich der sogenannten christlichen Welt auszudehnen. Jerusalem war da nur ein symbolträchtiger Ort, in Wahrheit ging es um die Beherrschung der ganzen Welt. Wir können sicher sein, wenn das die Absicht des Heiligen Geistes gewesen wäre, wären die Kreuzzüge nicht gescheitert, es ist aber im prophetischen Wort ohnehin nicht so als Ziel definiert. Daher gelang es in sieben Feldzügen nicht, auch nur ein einziges militärisches Ziel dauerhaft zu erreichen. Der Geist Gottes hatte mit dem allen nichts zu schaffen, dies lässt sich heute mit Sicherheit sagen.

Wie gesagt, wir lesen nichts davon in der Bibel, dass ein Reich Gottes aufgerichtet werden soll durch den Heiligen Geist. Am Ende dieses Zeitalters wird Jesus Christus wiederkommen und er selbst wird dann die Weltherrschaft übernehmen und das langersehnte Friedensreich errichten. Der Heilige Geist aber hat eine andere Aufgabe und das ist die Zubereitung der Gemeinde Christi, die aus Menschen besteht, die sich Christus zugewendet haben und in sein Angesicht zu blicken imstande sind, was sie Kraft des Heiligen Geistes in sein Bild verwandelt. Das ist es was dieser Vers aussagt.
Nun hat der Geist Gottes aber auch seine Mittel, die er einsetzt, um dieses Ziel zu erreichen. Um diese Mittel geht es in unserer Predigtserie über die Gnadengaben oder die Charismata die der Geist verwendet. Beim letzten mal haben wir dann auch von den Pneumatica gelesen, den Geisteswirkungen die er in uns erzielt. Das ist das Wort, mit dem 1. Kor. 12 beginnt: »Über die Geisteswirkungen aber, ihr Brüder, will ich euch nicht in Unwissenheit lassen.« 

Es gibt also keine Geistesgaben, sondern nur Geisteswirkungen, während wir bei den Charismen der Wortbedeutung nach von Gnadengaben sprechen müssen, die wir durch Christus bekommen haben. Dies nur zur Wiederholung, wir sollten uns das einprägen, denn es ist wichtig. Wir haben ja bereits im Römerbrief gesehen, dass unter Gnadengaben alle möglichen Dinge, auch Tätigkeiten ganz normaler Art gerechnet werden können. Ein Charisma, oder eine Gnadengabe ist, wenn uns Gott irgendetwas gelingen lässt, was wir in seinem Namen tun, oder nach seinem Willen. Wobei das nicht einmal dies und ein anderes mal jenes ist, sondern jeder soll eine Aufgabe haben, ein Spezialgebiet, in dem er vom Herrn besonders gesegnet ist, das ist seine Gnadengabe, sein Charisma.
Doch nun im 1. Korintherbrief, der uns auch heute wieder beschäftigt, geht es um mehr. Es geht um Geisteswirkungen, darum dass der Geist Gottes Menschen in einer Weise gebraucht, dass in der Weltmission Dinge geschehen, die spektakulär sind. Zeichen, Wunder, Weissagungen und das sehr beachtete Reden in fremden Sprachen, die man nicht gelernt hat. Alle diese Dinge waren seit den ersten Tagen der Apostelgeschichte bekannt. Sie traten auf, wo immer sich das Evangelium Bahn brach um zu den Menschen zu gelangen. Da erhielten Menschen in Christus auch Gnadengaben, die nicht alltäglich waren, Fähigkeiten die nur der Geist bewirken konnte, deshalb sprechen wir in diesem Abschnitt von Geisteswirkungen.

Die Korinther hatten nun ein Problem damit. Wahrscheinlich nicht nur die Korinther, aber wir haben das Glück, dass sich Paulus bei den Korinthern in dieser Sache schriftlich mit dem Problem beschäftigt, weil er nicht anwesend war, und so dürfen wir im Korintherbrief die Antwort des Apostels auf dieses Problem erfahren. Natürlich ist das Problem selber nicht so klar umrissen, wie wir uns das wünschen würden. Bedenken wir, es handelt sich ja um einen Brief und ein Brief ist keine dogmatische Abhandlung. Wenn wir jemanden einen Brief schreiben, um ihm einen Rat zu geben in einer ganz bestimmten Sache, dann bemühen wir uns auch nicht, das Problem genau zu definieren, denn der Empfänger unseres Briefes ist ja im Bilde darüber. Vielmehr verwenden wir die Zeit die uns zur Verfügung steht dafür, die Lösung des Problems aufzuschreiben und auch genau zu begründen, warum wir damit das Problem gelöst sehen. Wenn dann ein dritter Unbeteiligter den Brief liest, wird er erst nachdenken und das eigentliche Problem rekonstruieren müssen, will er den Text überhaupt verstehen. So ist das eben, bei vielen Stellen in den Paulusbriefen. Dort wo sie reine Lehrbriefe sind, wie beim Römerbrief, da haben wir keine Mühe, aber Briefe in denen es um konkrete Gemeindeprobleme geht, zu denen er Stellung bezieht, wie im Korinterbrief, da müssen wir dahinter blicken und auch mal zwischen den Zeilen lesen. Etwas Kenntnis der Geschichte ist da durchaus hilfreich.
Die Korinther waren wahrscheinlich überwiegend Heidenchristen aus dem griechischen Kulturbereich. Als solches waren ihnen vor allem Weissagungen nicht fremd. Das Berühmteste war das Orakel von Delphi. Aber in jeder Region gab es Möglichkeiten sich die Zukunft vorraussagen zu lassen, in zahllosen Heiligtümern und Götzentempeln. Meistes waren es irgendwelche Mysterienkulte, die ein Medium in Trance fallen ließen, das dann mehrdeutige Aussagen machte, wovon irgendetwas auch eintraf und so war scheinbar der Beweis erbracht, dass das Medium wahrsagen konnte, wenn man es glaubte.
Als diese Griechen nun Christen wurden, waren sie von den prophetischen Reden in der Gemeinde schwer beeindruckt, sie waren in der Qualität und Zuverlässigkeit der Aussagen um so viel besser und konkreter als das was sie gewohnt waren. Und so kam es, dass die Gläubigen in der Gemeinde vor allem die eine Gabe begehrten, nämlich in einer fremden Sprache zu weissagen, der sogenannten Zungenrede (griech. Glossolalie). Scheinbar leicht und mühelos, ohne große mystische Verrenkungen schafften die Christen das, was in der heidnischen Welt nur mit viel Aufwand, der oft teuer zu bezahlen war, möglich war und meist mit einem zweifelhaften Ergebnis. Die Weissagungen der Christen waren von einer anderen Qualität. Die Aussagen waren konkret, eindeutig und man konnte sich nach ihnen richten. Es ist leicht vorstellbar, dass das die Griechen begeisterte.

So kam es zu einer Überbewertung vor allem der beiden Gnadengaben der Zungenrede und der direkten Weissagung und das ist das Problem um das es geht. Paulus nimmt sich nun viel Zeit, darauf zu antworten. Das 12. 13. und 14 Kapitel des 1. Korintherbriefes stehen ganz in diesem Zeichen. Kein anderes Problem wird ausführlicher behandelt und es gibt gerade in diesem Brief noch eine Menge anderer Probleme zu denen Paulus Stellung bezieht.

Über die ersten drei Verse haben wir ja schon das letzte mal gesprochen. Nun wollen wir weiterlesen:
1. Kor. 12:4-11 (Sch 2000): (4) Es bestehen aber Unterschiede in den Gnadengaben, doch es ist derselbe Geist; (5) auch gibt es unterschiedliche Dienste, doch es ist derselbe Herr; (6) und auch die Kraftwirkungen sind unterschiedlich, doch es ist derselbe Gott, der alles in allen wirkt. (7) Jedem wird aber das offensichtliche Wirken des Geistes zum [allgemeinen] Nutzen verliehen. (8) Dem einen nämlich wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber ein Wort der Erkenntnis gemäß demselben Geist; (9) einem anderen Glauben in demselben Geist; einem anderen Gnadengaben der Heilungen in demselben Geist; (10) einem anderen Wirkungen von Wunderkräften, einem anderen Weissagung, einem anderen Geister zu unterscheiden, einem anderen verschiedene Arten von Sprachen, einem anderen die Auslegung der Sprachen. (11) Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem persönlich zuteilt, wie er will. (12) Denn gleichwie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des einen Leibes aber, obwohl es viele sind, als Leib eins sind, so auch der Christus.

Wir sehen hier also, wie Paulus in diesem Abschnitt ganz allgemein die Gnadengaben in Bezug setzt zum ganzen Wirken des Geistes. Er macht darauf aufmerksam, dass es eben viele Gnadengaben gibt, aber nur einen Heiligen Geist. Wir haben ja gesehen, wie uns im Römerbrief Gnadengaben genannt worden sind, die hier in der zweiten Liste die uns in der Bibel überliefert ist, gar nicht vorkommen, beispielsweise das Geben oder die Barmherzigkeit. Hier konzentriert sich Paulus hauptsächlich auf die spektakulären Geistesgaben, denn die waren ja das Problem. Und er sagt, dass es der Geist ist, der das alles wirkt. Man sollte meinen, dass dies ja selbstverständlich wäre. War es aber scheinbar doch nicht. Die Gnadengaben standen im Bewusstsein mancher Gläubigen wie selbständige Fähigkeiten, die den Menschen gegeben worden waren. Die Charismata machten in ihrem Denken aus einem Menschen eine charismatische Person, die, wann immer sie wollte, ihre Fähigkeiten einsetzen konnte. Auch heute denken viele noch (oder wieder) so, habe ich festgestellt. Aber das ist falsch, denn Paulus ordnet diese Fähigkeiten nicht den Menschen zu, sondern dem Geist Gottes alleine. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir erkennen, es handelt sich hier um Geisteswirkungen. Die Gnadengaben spektakulärer Art sind Geisteswirkungen, in dem Sinne, dass der Geist Gottes durch Menschen etwas Übernatürliches bewirkt, zu dem sie zu keiner Zeit aus sich selbst heraus imstande sind.

Geistgewirkte Weisheit

Dennoch erkennen wir, dass Paulus auch in dieser Aufzählung wieder – wie bereits im Römerbrief – Dinge aufzählt, die wir gar nicht als Übernatürlich betrachten würden. Zum Beispiel die Gabe der Weisheit. Wenn jemand in der Lage ist, immer wieder zur passenden Zeit das richtige Wort zu sagen, dann sagen wir vielleicht: das ist ein weiser Mensch. Aber wir sind uns nicht dessen bewusst, dass es eine Geisteswirkung sein kann, die da eben passiert ist. Auch wenn an der Aussage selbst gar nichts Spektakuläres ist, kann sie doch vom Geist gewirkt sein und die gleiche Bedeutung haben wie ein Wunder.

Geistgewirkte Erkenntnis

Wir denken auch, Erkenntnis zu haben ist eine Sache vielen Lernens. Es mag sein, dass dies auch eine Rolle spielt. Wenn wir lernen, sammeln wir vor allem Wissen in unseren Köpfen an. Da der Geist Gottes dies auch gebraucht, ist das eine gute Basis. Aber wir dürfen Wissen nicht mit Erkenntnis verwechseln. Erkenntnis ist eine Geisteswirkung Gottes. Wir können lernen und doch nicht zur Erkenntnis kommen, wie Paulus auch von den Menschen der letzten Tage voraussagt, die vom Glauben abfallen werden, dass sie: »…immerzu lernen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können.« (1. Tim. 5:4) Echte Erkenntnis ist eine Wirkung des Heiligen Geistes in uns, exakt genauso wie ein Wunder es sein kann.

 

Der Vollständigkeit halber: was ist der Unterschied zwischen Weisheit und Erkenntnis? Erkenntnis dient der Lehre. Sie ist das begreifen von Zusammenhängen. Verstehen, was Gott tut und was er will, das ist eine wichtige Sache. Gott handelt in uns und er handelt in der Geschichte. Aber was ist das Ziel? Warum geschehen Dinge so und nicht anders? Wie ist alles einzuordnen, was wir erleben? Das alles hat mit Erkenntnis zu tun. Weisheit dagegen ist praktischer Natur. Sie hat etwas mit der Anwendung der Erkenntnis zu tun. Weisheit ist es, wenn wir in der Lage sind, das Erkannte auch wirksam in unserem Leben umzusetzen. Dass das nicht leicht ist, wissen wir aus dem Gemeindealltag. Zur Erkenntnis zu gelangen, was Gottes Wille ist, ist eine Sache. Zu wissen wie wir im Einzelfall zu handeln haben, eine ganz andere. Das Leben kann sehr kompliziert sein und manche Dinge sind nicht so einfach umzusetzen, wie wir das gelernt haben. So braucht es Weisheit ebenso wie Erkenntnis, diese beiden Gaben ergänzen sich.

Geistgewirkter Glaube

Doch da ist dann auch noch der Glaube. Wenn wir denken, dass es sich hier im Text um den seligmachenden Glauben handelt, durch den wir Christus als unseren Herrn und Erlöser erkennen, dann liegen wir auch nicht ganz verkehrt, denn auch dieser Glaube ist eine übernatürliche Geisteswirkung. Aber es ist offensichtlich, dass Paulus hier noch was Anderes meint. Denn selbst wenn wir Erkenntnis und Weisheit haben, ist noch immer nicht gesagt, dass wir die Dinge auch umsetzen können, die wir erkannt haben. Es gehört oft auch ein gewisser Glaubensmut dazu. Irgendjemand hat auch diese Gabe, dass er beherzt an eine Sache herangeht, wo andere noch zögern und Bedenken haben. Von dem ersten Tag an, da Gott von einem Menschen verlangte, dass er sein Vaterhaus verlässt und in ein fremdes Land zieht, das Gott ihm geben wollte – ihr wisst, dass ich von Abraham spreche, dem Vater aller Gläubigen – von diesem Tage an war Glaube auch immer eine Sache des Wagnisses, des Mutes, voranzugehen um neues Land zu erobern. Genau dies ist es, was Paulus hier meint. Sollten wir nicht alle diesen Glauben haben. Ganz gewiss, wenn wir in die Nachfolge Christi treten, aber es gibt Aufgaben im Reiche Gottes, die sind Menschen zugedacht mit besonderem Glaubensmut. In der Missionsgeschichte lassen sich zahllose Beispiele dafür finden. Ein Klassiker, der immer wieder erwähnt wird, ist Georg Müller, ein Mann, der es schaffte für tausende Weisenkinder zu sorgen, ohne auch nur ein einziges mal einen Menschen um etwas zu bitten. Er betete nur und es kam was er brauchte. Von diesem Glauben ist hier die Rede.

Geistgewirkte Heilungen

Dem Glauben stellen sich keine Hindernisse in den Weg, denn wir haben einen Herrn als Auftraggeber, der gesagt hat: »mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker.« Darum dürfen wir selbstverständlich damit rechnen, dass es auch Heilungen gibt, wenn sich der Wille Gottes dadurch erfüllen sollte. Niemals wird uns eine Krankheit davon abhalten können, den Willen Gottes zu tun. David Livingston, der Pionier der Mission Zentralafrikas und Entdecker vieler unbekannter Gebiete, schrieb einmal in einem seiner Missionsberichte: »Gegenwärtig versuche ich, das Reich des Herrn in einem Gebiet aufzurichten, das weit größer ist als Schottland. Fieber will mich hindern; aber ich werde für die Ehre des Reiches Christi arbeiten – ob ich Fieber habe oder nicht.«

Wir wissen natürlich, dass auch Paulus in seiner Missionsarbeit von Krankheiten seiner Mitarbeiter aufgehalten worden ist, die er nicht heilen konnte, sondern wie jeder andere Mensch auch, auskurieren musste (Phil. 2:26-27, 2.Tim 4:20). Er nahm das hin und jammerte nicht, in dem Bewusstsein, dass, wenn Gott es wirklich will, er jede Krankheit sofort und augenblicklich heilen kann. Diese Kraftwirkung des Geistes hatte er ja selbst oft genug erlebt und gerade weil er darum wusste, konnte er auch gelassen sein, wenn eine Krankheit nicht, oder nur auf normalem Wege geheilt wurde.

Geistgewirkte Wunderzeichen

Das Gleiche gilt auch für andere übernatürliche Wunder die passieren können, aber nicht müssen. Wir wissen aus Apg. 16:23-27, dass Paulus und Silas in der griechischen Stadt Philippi auf wunderbare Weise aus dem Gefängnis befreit wurden, wie auch Petrus in Apg. 12. Die Befreiung des Petrus ist besonders deshalb interessant, weil es Herodes zuvor gelungen war, Jakobus, den Bruder des Apostel Johannes zu töten. Dieser traurige Bericht geht in der Euphorie ganz unter, den die Art und Weise der Befreiung des Petrus ausgelöst hat. Und doch müssen wir auch festhalten: Gott hat den Tod des Jakobus nicht durch ein Wunder verhindert sondern hat es geschehen lassen. Jakobus war der erste der 12 Apostel, der den Märtyrertod starb. In einem Fall war es die Kraftwirkung des Geistes Gottes, die das Schlimmste verhinderte und Petrus befreite, dem sonst das gleiche Schicksal beschieden gewesen wäre, im anderen Fall aber war es Gottes Wille, dass kein Wunder geschah, sondern die Bereitsschaft seiner Jünger auch den Tod zu erleiden, offenbar wurde. So erlebte auch Paulus einmal die Befreiung aus dem Gefängnis durch ein Wunder, und später musste er doch viele Jahre in andern Gefängnissen zubringen ohne dass er befreit wurde.

Wenn wir aus dieser Liste und der Art und Weise wie Paulus sie gestaltet etwas herauslesen können, dann die Wahrheit, dass die Gnadengaben Kraftwirkungen des Geistes Gottes sind, die in der Souveränität Gottes gewirkt werden und nicht von Menschen, auch wenn diese Träger der Gaben sind.
Dass nicht unterschieden wird zwischen Gaben die in ihrer Wirkung spektakulär sind und anderen, aber alles als Geisteswirkungen aufgezählt wird und nicht bloß als Gnadengeschenk, zeigt uns, dass es eben nicht so sehr auf uns ankommt, sondern auf den Heiligen Geist. Das ist die Hauptaussage in diesem Text! Die Charismata werden hier nicht so verstanden, dass es sich um Gnadengeschenke an Menschen handelt, die diese gebrauchen können oder auch nicht, ganz wie es ihnen beliebt. Wir sagen vielleicht schon mal, Gott hat diesem Menschen Gaben gegeben, aber er wendet sie nicht an, oder er wendet sie falsch an? Ist das richtig, im Sinne dieses Bibeltextes, den wir hier vor uns haben? Ich habe da meine Zweifel. Die Gabe ist doch eigentlich, dass der Geist Gottes etwas durch mich tut. Wenn das nicht der Fall ist, dann handelt es sich wohl eher um eine natürliche Gabe als um ein Charisma.

Andererseits können wir nach diesen Aussagen auch jede Gnadengabe als grundsätzlich spektakulär bezeichnen, auch die ganz Unscheinbaren. Ist es nicht spektakulär, wenn der Geist Gottes irgendetwas durch uns tut? Wenn sich jemand dessen bewusst wird, dass er eben etwas getan hat, das er nicht getan hätte, wenn er nicht gläubig wäre, dann kann die Freude in ihm genauso groß sein wie über irgendwas Übernatürliches. Muss ich dafür Beispiele anführen? Wir haben in unsern Austauschgottesdiensten doch schon genug davon gehört.

Nach den Wunderkräften erwähnt Paulus noch in V.10 die Geisteswirkungen der Weissagung, der Unterscheidung der Geister, der verschiedenen Arten von Sprachen und der Auslegung oder Übersetzung dieser Sprachen. Alles dies sind spektakuläre übernatürliche Geisteswirkungen. Das sind auch die Gaben, die unter den Korinthern Probleme bereitet haben. Ich will sie heute noch nicht definieren, weil dies aus dem Folgetext heraus von selbst geschieht, den wir die nächsten male behandeln werden.

Geisteswirkungen sind in trinitarischer Einheit zu verstehen

Hier möchte ich noch darauf hinweisen, dass Paulus, bevor er auf diese Problem im Einzelnen zu sprechen kommt und Lösungen anbietet, hier versucht, das Thema Gnadengaben in einen theologischen Gesamtzusammenhang zu stellen:
(4) Es bestehen aber Unterschiede in den Gnadengaben, doch es ist derselbe Geist; (5) auch gibt es unterschiedliche Dienste, doch es ist derselbe Herr; (6) und auch die Kraftwirkungen sind unterschiedlich, doch es ist derselbe Gott, der alles in allen wirkt.

Was will er damit sagen? Die Anspielung auf die Dreieinigkeit ist unübersehbar. Ein Geist, ein Herr, ein Gott. Die Einheit Gottes ist unzerstörbar, das wissen wir, dennoch sehen wir Gott in drei verschiedenen Rollen, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dass sich diese Rollen nicht widersprechen, sieht man an den austauschbaren Tributen, die wir hier sehen. Waren die Gnadengaben vorher noch Christus zugeordnet, so sind sie nun doch des Geistes, weil sie von ihm gewirkt sind. Nun aber sind die Dienste des Herrn und Gott ist es von dem die Kraftwirkungen ausgehen, die er in V1 noch dem Geist zugeschrieben hat. Diese Einheit in der Vielfalt ist es, die uns Paulus ans Herz legen will. Nichts ist gegeneinander ausspielbar, denn alles hat seine Ursprung in dem Einen.

Das zu verstehen war sehr bedeutsam, für eine Gemeinde, die anfing Gaben nach ihrer scheinbaren Wichtigkeit unterschiedlich zu bewerten. Hand auf‘s Herz, haben wir das nicht schon alle einmal getan? Sind wir nicht alle wie die Korinther. Ich habe ja schon darauf hingewiesen, dass die Kornither wahrscheinlich durch ihre Kultur so geprägt waren, den prophetischen Begabungen mehr Bedeutung zuzumessen als anderen. Wie sieht es mit uns aus und mit unseren Prägungen? Wir wissen, dass Gott alles und jeden gebrauchen kann. Aber sind wir völlig frei davon, solchen die in unserer Gesellschaft Geltung haben, mehr zuzutrauen als anderen? Welche Rolle spielen Bildung, soziale Stellung, Besitz und Titel in der Gemeinde?

Als ich zur Bibelschule ging, wurde nicht danach gefragt, ob bei dieser Ausbildung ein Titel herausschaut. Viel wichtiger war die Hingabe des Einzelnen und die wurde nicht an Zeugnissen gemessen. Doch in den letzten Jahren bekommen diese Dinge wieder eine große Bedeutung, die ich mit Sorge verfolge. Nicht dass ich kein Verständnis dafür hätte, dass man nun der Meinung ist, man müsste sich auch der Welt gegenüber so präsentieren, dass man ernst genommen wird. Ein Magister, Master oder Batchelor, oder sogar ein Doktortitel, signalisieren ein bestimmtes Nieveau der Ausbildung und schafft Akzeptanz in der Gesellschaft. Das mag im Bereich der Apologetik richtig sein, aber geht es darum auch in Gemeinde und Mission?

Vergessen wir nicht, dass Jesus einfache Fischer rekrutiert hat und ihnen keine Titel verlieh, mit denen die Welt irgendetwas anfangen konnte. Freilich berief er dann auch einen Paulus und seine Stellung und Bildung mag ihm manche Türen geöffnet haben, die einem Petrus verschlossen waren. Aber viel wichtiger ist, dass Paulus und Petrus wussten, dass alles was sie beide taten, Kraftwirkungen des Geistes Gottes waren und Gnadengaben unseres Herrn. Nur von dem Dreieinigen Gott hing alles ab, nicht von ihrer Stellung.

Hier kommt nun der letzte Aspekt hinzu, den wir heute behandeln wollen, der des Dienstes. Paulus und Petrus waren beide Diener, so unterschiedlich sie auch waren – und deshalb konnten sie als Apostel Seite an Seite stehen und einander respektieren. Das ist wichtig! Denn eigentlich geht es nicht um Gaben und Wirkungen, sondern um Dienste. Jemand der Jesus nachfolgt ist sein Diener, oder Knecht, wie es im Lutherdeutsch heißt und in dieser Stellung ist kein Spielraum sich irgendetwas auszusuchen. Der Diener wartet, bis er einen Auftrag von seinem Herrn empfängt und den führt er dann aus, er fragt nicht, motzt nicht, sondern geht hin und tut was von ihm verlangt wurde. Das ist die einfache Formel, die dieser Theologie entspringt. Darauf möchte Paulus die Korinther einschwören. Darum sind zwei Dinge in diesem Zusammenhang wichtig, die wir heute unbedingt mitnehmen sollten:

Der allgemeine Nutzen:

(7) Jedem wird aber das offensichtliche Wirken des Geistes zum [allgemeinen] Nutzen verliehen. Die Gaben – was immer Gott dir auch gibt, oder nach all dem was wir gehört haben, wollen wir lieber sagen, was immer er in Dir wirkt – sind dazu da, dass die Allgemeinheit davon Nutzen hat. Wir sehen, dass dieses Wort allgemein in Klammer gesetzt ist. Es ist ein griech. Wort das sich offensichtlich schwer übersetzen lässt. Ich habe nachgesehen, es beschreibt nämlich eine Situation, wo sich zwei oder mehr Menschen gegenseitig helfen, also einander nützlich sind, indem sie etwas zusammentragen. Vielleicht können wir es damit vergleichen, dass wir zum Essen zusammenkommen und jeder nimmt etwas mit, trägt etwas bei, so haben alle etwas größeres, nämlich ein schönes Fest, das einer alleine nicht zustande gebracht hätte.

Sagen wir also, dass der Geist Gottes das, was er durch uns tut, nur deshalb tut, damit wir einen Beitrag leisten, zu seinem Werk in dieser Zeit. Was aber ist dieses Werk? Auch das ist in unserm Text genauestens beschrieben und damit werden wir uns das nächste mal auseinanderzusetzen haben: es ist der Aufbau des Leibes Christi! Nun aber noch das zweite das wir uns merken wollen:

Der souveräne Wille des Geistes!

»Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem persönlich zuteilt, wie er will.« Mit diesem Gedanken wollen wir heute schließen. Es ist nicht Deine Verantwortung, krampfhaft nach den Gaben zu suchen, sie zu erflehen und um sie zu ringen. Der Geist Gottes wird dich gebrauchen, wie er es will, wenn die Zeit gekommen ist. Natürlich fragen wir, was Gott von uns haben will. Doch dieses Fragen ist nicht ein Fragen nach der Methode, die Gott in unserm Leben anwendet, um dieses zu einem nützlichen Beitrag zu machen. Sondern das Fragen nach dem Willen Gottes ist viel einfacher, es ist die Frage nach dem eigenen Sein. Wie können wir die Sünde ablegen, wie uns selbst verleugnen und wie Christus immer ähnlicher werden? Nur indem wir ihn erkennen. Das ist es worauf es ankommt. Er ist es, unser Herr Jesus Christus, auf den wir uns konzentrieren müssen, dann wird der Geist etwas aus unserem Leben machen, was zu seiner Verherrlichung dient. Hier schließt sich der Kreis zu unserem Anfangsgedanken den wir in der Einleitung gehabt haben und der auch Schlussgedanke der letzten Predigt war.

Lasst uns Gott bitten, dass er uns in sein Bild verwandelt nach den Wirkungen des Geistes. Wie diese Wirkungen konkret aussehen, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir an und in ihm sind und zu funktionierenden Gliedern seines Leibes werden.

Amen!